
Am Ende war es brutal hart. Am Ende kamen starke Emotionen auf. Am Ende …
… aber beginnen wir doch am Anfang.
Ein Backyard Ultra ist ein Ausdauerlauf, bei dem jede Stunde eine 6,706 Kilometer lange Runde gestartet wird. Stunde für Stunde. Runde für Runde. So lange, bis nur noch eine Person übrig ist, die eine weitere Runde erfolgreich absolviert.
Klingt eigentlich ganz einfach. Man läuft ein bisschen, macht Pause und läuft wieder ein bisschen. Was soll da schon schiefgehen?
Spoiler: einiges.
Gut vorbereitet. Dachte ich zumindest.
Auf den Backyard Ultra in Dachsen – meine Backyard-Ultra-Premiere – fühlte ich mich gut vorbereitet. Ein Vorbereitungskurs des Ultraläufers Päsche half mir dabei sehr. Ich hatte Rennsimulationen über 6, 8 und 12 Stunden hinter mir, einen Essensplan erstellt und eine komplette Packliste zusammengestellt: Basecamp, Laufbekleidung, Pflege, Technik und Verpflegung. Gegen Ende der Vorbereitung sammelte ich zudem noch einige Höhenmeter in den Bergen.
Im Nachhinein betrachtet war das Tapering wohl etwas zu kurz geraten. Erst eine Woche vor dem Rennen kam ich aus den Wanderferien in Osttirol zurück. Meine Beine hatten also bereits Ferien hinter sich – nur leider nicht im klassischen Sinn von «am Pool liegen und nichts tun». Ganz bei 100 Prozent war ich deshalb am Start wohl nicht.
Nun war er also da: Tag X. Bereits um 12:00 Uhr kamen wir mit Sack und Pack in der Badi Dachsen an, dem Start- und Zielgelände des Rennens, und richteten uns gemütlich ein. Etwas Nervosität und Anspannung waren vorhanden, die Vorfreude aber deutlich grösser.
Meine Planung bezüglich Verpflegung und Laufbekleidung war auf 30 Runden ausgelegt. Das wären 201,18 Kilometer gewesen. Bescheidenheit ist bekanntlich eine Tugend.
Mal schauen, wohin die Reise geht.
Und dann kam der Regen
Pünktlich um 14:00 Uhr wurden wir 79 Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf die erste Runde geschickt. Und ebenfalls pünktlich um 14:00 Uhr begann es zu regnen.
Danke, Petrus. Timing sitzt.
Die Strecke kannte ich bereits aus dem erwähnten Vorbereitungskurs. Einfach war sie nicht. Dabei machten mir weniger die rund 80 Höhenmeter pro Runde Sorgen als vielmehr der schmale und technisch anspruchsvolle Weg am Rhein entlang. Nach 43 Minuten und 34 Sekunden war die erste Runde geschafft.
Auch die nächsten Runden liefen wie am Schnürchen. Meine Crew, Petra und Peter, versorgte mich während der Pausen. Ich konnte mich in den Liegestuhl lehnen, die Beine hochlagern und wurde von den beiden königlich umsorgt. Eigentlich fehlte nur noch jemand, der mir mit einem Palmblatt Luft zufächelte.
Zwischenzeitlich hatte auch der Regen aufgehört. Aufgehört hatten allerdings auch bereits einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Das Feld wurde fast stündlich kleiner.
Rein in die Nacht
Mittlerweile war die Stirnlampe Pflicht, denn die Nacht war über uns hereingebrochen. Die Ruhe, die Dunkelheit und der klare Sternenhimmel sorgten für eine ganz besondere Atmosphäre. Für ein paar Augenblicke vergass man beinahe, dass man mitten in der Nacht freiwillig immer wieder dieselben 6,706 Kilometer lief.
Ab Runde 9 wurden meine Rundenzeiten etwas langsamer. Neu marschierte ich eine Passage, statt sie zu laufen. Die Idee dahinter: Körner sparen. Schliesslich wusste ich nicht, wie viele Körner noch im Sack waren. Und vor allem nicht, ob irgendwo noch ein zweiter Sack herumstand.
Die Temperaturen waren zum Glück sehr läuferfreundlich. Ab Runde 15 musste ich wegen muskulärer Probleme im hinteren linken Oberschenkel nochmals Tempo herausnehmen. Bergab liess ich es nicht mehr sausen, sondern lief langsam und kontrolliert. Auch auf den Trails war nun Vorsicht angesagt, um keinen Krampf zu provozieren.
Mein nächstes grosses Ziel war inzwischen ziemlich simpel: Den Sonnenaufgang erleben.
Drei Runden – also rund 20 Kilometer – später war es geschafft. Und allein wegen dieser fantastischen Stimmung beim Sonnenaufgang am Rheinufer hatte sich das bisherige Leiden gelohnt. Herrlich. Magisch. Wunderschön.
Für einen kurzen Moment war sogar vergessen, dass meine Beine mittlerweile ungefähr die Kooperationsbereitschaft zweier Betonpfosten hatten.
Neuer Tag, neue Energie. Kurz zumindest.
Der neue Tag brachte tatsächlich neue Energie. Runde 18 fühlte sich besser an als die vorherigen. Doch das Gefühl täuschte. Bereits eine Runde später wurde es wieder deutlich zäher.
Meinen Raceplan hatte ich zu diesem Zeitpunkt längst über Bord geworfen. Beispielsweise ernährte ich mich praktisch nur noch von Coca-Cola. Ernährungswissenschaftlich vermutlich nicht ganz das, was in den Lehrbüchern unter «optimale Sporternährung» zu finden ist. Aber Cola ging rein. Und was reingeht, gewinnt nach 20 Stunden eine gewisse Priorität.
Bei jedem Restart stellte ich mir dieselben Fragen: «Wie löst du das Problem? Wie kommst du vom Gehen wieder ins Laufen?» Ich versuchte, meinen Kopf mit allen möglichen Tricks zu überlisten: «Die anderen laufen auch. Also lauf auch du!» Oder: «Ich zähle bis drei, und dann beginne ich zu laufen.»
Erstaunlicherweise funktionierte das noch einige Male.
Eins. Zwei. Drei. Laufen.
Irgendwann durchschaute mein Körper allerdings den Trick.
Runde 23
In Runde 23 war definitiv Schluss. Mein Körper war schon länger am Ende. Nun war es auch mein Kopf.
Petra war an meiner Seite, als ich beschloss, hier und jetzt das Rennen zu beenden. Müde. Fertig. Stolz. Die Emotionen schossen hoch. Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.
Nach 22 Stunden, 6 Minuten und 35 Sekunden drückte ich die Stopptaste meiner Laufuhr.
151,04 Kilometer. 1’966 Höhenmeter. 22 absolvierte Runden. 8. Platz.
Und ziemlich leere Batterien.
Alleine gelaufen – aber ganz sicher nicht alleine geschafft
Bei einem Backyard Ultra läuft man jede Runde auf den eigenen Beinen. Aber spätestens nach diesem Wochenende weiss ich: Eine solche Leistung schafft man trotzdem nicht alleine.
Meine Crew, Petra und Peter, war während dieser 22 Stunden immer für mich da. Sie reichten mir Essen und Getränke, kümmerten sich um meine Sachen, halfen mir bei kleinen und grösseren Problemen und schickten mich Stunde für Stunde wieder auf die nächste Runde. Wenn meine Motivation sank, bauten sie mich auf. Wenn ich müde zurückkam, waren sie da. Und als ich irgendwann selbst nicht mehr wusste, wie ich nochmals aufstehen und loslaufen sollte, glaubten sie offenbar noch daran.
Man könnte sagen: Ich hatte den einfacheren Job. Ich musste nur laufen. Petra und Peter mussten hingegen 22 Stunden lang einen zunehmend müden, schweigsamen und mit Coca-Cola betriebenen Ultraläufer betreuen. Und das ohne erkennbare Fluchtmöglichkeit.
Dafür gebührt ihnen mindestens genauso viel Respekt.
Und dann war da dieser Moment in Runde 23. Petra war bei mir, als ich die Entscheidung traf aufzuhören. Kein «Komm, eine geht noch!», kein enttäuschtes Gesicht, kein Hinterfragen. Einfach Verständnis. Auch danach gab es von Petra und Peter nur aufmunternde Worte.
Dafür bin ich euch beiden unglaublich dankbar.
Danke für eure Zeit, eure Geduld, eure Unterstützung und dafür, dass ihr dieses Abenteuer mit mir durchgezogen habt. Ohne euch wären diese 151 Kilometer nicht möglich gewesen.
Die Kilometer stehen zwar auf meiner Laufuhr. Aber ein ziemlich grosser Teil davon gehört euch.
Und jetzt?
Direkt nach dem Rennen war die Sache eigentlich ziemlich klar: Backyard Ultra? Danke, war interessant. Einmal reicht.
Ein paar Tage später sah die Sache bereits etwas anders aus. Die Schmerzen verschwinden. Die Müdigkeit vergeht. Die schönen Momente bleiben. Und offensichtlich besitzt das Gehirn eines Ultraläufers einen äusserst praktischen Filter, der Erinnerungen an schmerzende Oberschenkel, endlose Trails und den inneren Kampf beim Restart erstaunlich schnell ausblendet.
Gefährlich.
Denn plötzlich ertappt man sich bei Gedanken wie: «Was wäre gewesen, wenn …?» Oder noch schlimmer: «Was könnte ich beim nächsten Mal besser machen?»
Und spätestens bei dieser Frage weiss man eigentlich schon, wohin die Reise geht.
Für 2026 sind meine Backyard-Ambitionen gestillt. Aber einen weiteren Start im Jahr 2027 schliesse ich definitiv nicht aus. Vielleicht mit etwas längerem Tapering. Vielleicht mit einem besseren Ernährungsplan. Vielleicht mit etwas weniger Coca-Cola.
Wobei wir realistisch bleiben sollten: Zwei von drei Punkten wären auch schon ein Fortschritt.
Ob es 2027 tatsächlich wieder heisst: «3 … 2 … 1 … Los!»? Wir werden sehen.
Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass diese Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist.
The Job is not finished!